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JOSEPH BEUYS wieder in Berlin


20 Jahre nach der letzten umfangreichen Ausstellung in Deutschland, zu einem Zeitpunkt an dem die Sinnkrise der zeitgenössischen Kunst eine immer größere Resonanz erlangt zeigt der Hamburger Bahnhof eine umfassende Analyse Beuys’ programmatischer Behauptung »Die Revolution sind wir«. Die Ausstellung untersucht mit rund 270 Werken in 15 Kapiteln, aufgeteilt auf ca. 5.000qm Ausstellungsfläche die utopische Dimension des Gesamtwerks von Joseph Beuys. Im Zentrum steht die seinem Erweiterten Kunstbegriff zugrunde liegende Vorstellung, einer Revolution aller gesellschaftlichen Verhältnisse.

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KONZEPT [DER AUSSTELLUNG]

In jüngster Zeit ist international besonders in der jüngeren Generation von Künstlern und Kunsthistorikern, ein auffallend großes Interesse an dem Werk und der Gestalt von Joseph Beuys zu verzeichnen. Auch verschiedene Themen- und Dialogausstellungen wie zum Beispiel »all in the present must be transformed«. Matthew Barney and Joseph Beuys im Deutsche Guggenheim Berlin/New York oder Mythos. Joseph Beuys, Matthew Barney, Douglas Gordon, Cy Twombly im Kunsthaus Bregenz haben in der letzten Zeit versucht, Beuys mit der Gegenwart zu konfrontieren.

Die Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof nimmt diese anwachsende Hinwendung zum Anlass, einem der größten deutschen Künstler der Nachkriegszeit erstmals eine umfassende Ausstellung zu widmen. Die Ausstellung »BEUYS. Die Revolution sind wir« wird vom 3. Oktober 2008 bis 25. Januar 2009 im Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwart – Berlin gezeigt und stellt einen Höhepunkt der in mehreren Häusern der Staatlichen Museen zu Berlin stattfindenden Ausstellungsfolge zum Kult des Künstlers dar.

Das im 20. Jahrhundert einmalige Phänomen einer von der Kunst her gedachten Umgestaltung aller gesellschaftlichen Verhältnisse wird in der Ausstellung nach seinen historischen, philosophischen, theologischen, politischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Wurzeln befragt. Erstmals wird der gesamte Kontext anhand von Dokumenten, Schriften, Filmen und Fotografien erläutert. Die Ausstellung verteilt sich über einer Fläche von rund 5.000qm im Hauptgebäude des Hamburger Bahnhofs. Sie stellt eine einzigartige Gelegenheit dar, die kapitalen Beuys-Werke der Sammlung Marx sowie die Fülle der audiovisuellen Materialien aus dem Bestand des Joseph Beuys-Medien-Archivs in vitaler, dialogischer Gegenüberstellung mit selten geliehenen Werken aus ganz Europa zu zeigen.

Über die wichtige Fortsetzung der internationalen Auseinandersetzung mit dem künstlerischen Erbe eines der einflussreichsten und kontroversesten Künstlers des 20. Jahrhunderts hinaus, schafft die Retrospektive BEUYS. Die Revolution sind wir ein lebendiges, energiegeladenes Umfeld, in dem Museumsbesucher die Möglichkeit haben, das Universum Beuys zu untersuchen und unmittelbar zu erfahren. Hier wird keine Hagiographie erzählt: Weder monumental, noch sakral in ihrem Ansatz, setzt die geplante Präsentation vielmehr auf das offene Werk und vor allem auf Beuys selbst: als Künstler, als Denker, als Mensch. Denn die ikonische Bedeutung von Beuys beruht ebenso sehr auf das, was der Künstler verkörperte, auf das, was er war und ist, was er sagte und tat, als auf die Objekte, die er geschaffen hat.

20 Jahre nach der letzten umfassenden Ausstellung in Deutschland, der große Ausstellungen in Zürich, Paris und London gefolgt sind, zu einem Zeitpunkt an dem die Sinnkrise der zeitgenössischen Kunst eine immer größere Resonanz erlangt, erscheint eine umfassende Analyse Beuys’ programmatischer Behauptung »Die Revolution sind wir« vor dem Hintergrund seines künstlerischen, sozialen, philosophischen, politischen, ökologischen Engagements zeitgemäß, brisant, wenn nicht geradezu wegweisend.

Die Ausstellung zeigt in 16 Kapiteln alle diese für einen Künstler ungewöhnlichen Arbeitsgebiete, seine Auseinandersetzung mit den Begriffen Arbeit, Denken, Plastik, Demokratie, Pädagogik, Wirtschaft, Geld, Recht, Christentum. Darüber hinaus werden alle Formen seiner reichen Kunstproduktion von der Zeichnung, Skulptur, Objekt, Environment, Film bis zur Spracharbeit ausgebreitet, die sich immer wieder auf seine Grundgedanken einer revolutionären Veränderung der Gesellschaft beziehen. Noch einmal kehrt der einst so bekannte und in den Medien dauernd präsente Mann mit dem Hut, mit seiner signifikanten Kleidung, aber auch einprägsamen Sprache, mit seinen enigmatischen Aktionen in den Raum zurück. Seine populären, dennoch spektakulären Großprojekte, wie die »Honigpumpe am Arbeitsplatz« das Pflanzen von 7.000 Eichen als ein sozial-ökologisches Kunstwerk werden vorgestellt. Der Mitbegründer der Partei Die Grünen und Freund von Andy Warhol, Heinrich Böll, Rudi Dutschke, Marcel Broodthaers und vielen anderen Zeitgenossen, der große Reformer Joseph Beuys wird nach dem Wert seiner Ideen für unsere heutige Gesellschaft befragt. In zahlreichen Filmdokumenten spricht er selbst zum Publikum oder tritt stumm als Aktionist auf, in Hunderten Zeichnungen ist seine Beziehung zu allen Dingen des Lebens ausgebreitet. Das Publikum sieht sich nicht nur einem universalistischen Werk gegenüber, sondern einem Kosmos, der tief in der Geistesgeschichte Europas verankert ist. (Quelle: Hamburger Bahnhof · Museum für Gegenwart · Berlin).



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Gesine Hindemith & Paul Harry Pottseravotti


In der heutigen Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und in deren FAZ-NET versucht Gesine Hindemith* mit ihrem Artikel »Du hast nur eine Chance, Baby, nutze sie. Die Stimme in der Yukkapalme: Wie Legendenbildung funktioniert, lässt sich am Fall des Engländers Paul Potts studieren, der in einer Talentshow entdeckt wurde und nun als Werbemittel und Opernsänger Karriere macht« dem angeblichen »Außenseiterphänomen« Paul Potts auf die Spur zu kommen. Aber sie gerät nur auf lauter Holzwege.


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Ob Gesine Hindemith mit dem großen deutschen Komponisten, Bratschisten und Dirigenten Paul Hindemith (1895–1963) verwandt ist, entzieht sich unserer und Google’s Kenntnis. Wenn ja, wär’s in diesem Zusammenhang eine aparte Fußnote.

Von Gesang resp. Operngesang hat sie jedenfalls keinerlei Kenntnisse. Die sind ja für eine Literatur- oder Medienwissenschaftlerin »in diesen finstren Zeiten« offensichtlich verzichtbar.

Aber ohne Kenntnis dieser zentralen thematischen Substanz gerät sie schnurstracks auf den ersten Holzweg. Zum Gesang Paul Potts stellt Frau Hindemith fest: »Er hat durch sein Können überzeugt, denn singen kann er wirklich.« Ja, wirklich –: schlecht, beansprucht er, Sänger zu sein! (Siehe Beitrag v. 23.07.08 auf dieser Seite.)

»Als Gänsehautstimme mit emotionalem Tiefgang« sei »er seit zwei Wochen in aller Ohr« : dies ist eine derart unkritische Behauptung, dass man sich fragen muss, was Frau Hindemith eigentlich unter »Medienkritik« versteht. Aber es geht intellektuell noch schlichter: »… als Mann, der beim besten Willen keinen Schönheitswettbewerb gewinnen würde, in aller Auge und spätestens seit dem Start der neuen Telekom-Kampagne ›Erleben, was verbindet‹ redet auch alle Welt über ihn. Paul Potts, dessen Karriere im Licht der telekommunikativen Öffentlichkeit mit dem ersten Platz bei einem britischen Talentwettbewerb im Sommer 2007 begann, ist das mediale Phänomen par excellence.«

Nächster Irrtum: Paul Potts ist keineswegs »das mediale Phänomen par excellence«, sondern vielmehr eine medial generierte Projektion.

»Mit dem Telekom-Spot rückte der zuvor in Deutschland kaum beachtete Potts ins Scheinwerferlicht der Medienmaschinerie, und seine Single »Nessun dorma« mit der berühmten Arie aus Puccinis Oper »Turandot« hält sich nach zwei Wochen immer noch auf Platz vier der deutschen Single-Charts. Bisher nur als Download verfügbar, wird sie vom 15. August an auch als CD verkauft.« Blanker Unsinn, denn die Telekom hat sich ja nur der bereits existierenden Rezeption bedient und lediglich einen Zacken schärfer instrumentalisiert. Eine banale Win-win-Strategie – von der eine Medienwissenschaftlerin bereits in einem Pro-Seminar etwas gehört haben müsste.

»Am selben Tag soll Potts beim Saisonstart der Bundesliga in der Allianz-Arena zu München für Gänsehautwallungen sorgen.« Mit oder ohne Klinsmann-Buddha?

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Ihre Recherche zur Person Paul Pott ist eine schwache Web-Collage längst verbreiteter Informationen. Es ist mehr als naiv zu glauben, dass Paul Potts Homepage »von Sony BMG gesponsert wird«. Es sei denn, dass eine heutige Medienwissenschaftlerin die vollständige Kontrolle über Konzeption, Herstellung und Redaktion einer Homepage als »Sponsoring« versteht …

»Tatsächlich versteht es Potts, stimmlich eine tiefe Emotionalität zu transportieren.« Bei Menschen, die über ein gedächtnisgestütztes Hörvermögen verfügen, besteht die emotionale Reaktion darin, dass man tiefes Mitleid mit dem Vortragenden hat, der so jämmerlich an dieser Arie scheitert.

Als erfahrener Dramaturg muss ich Frau Hindemith attestieren, dass sie auch von Dramaturgie nicht die geringste Ahnung zu haben scheint, wenn sie der Meinung ist: »Der Auftritt kommt einem dramaturgischen Meisterwerk nahe: Der schüchterne Potts betritt die Bühne in einem billigen Anzug (der Legende nach hat er fünfundzwanzig Pfund gekostet), misstrauisch beäugt von den kritischen Mitgliedern der Jury – darunter der stark an Dieter Bohlen erinnernde Simon Cowell –, die schon belustigt die Gesichter verziehen, und sagt: ›Ich will Oper singen.‹ Dann legt er mit der Arie des unbekannten Prinzen Kalaf aus ›Turandot‹ los und entfacht mit seinem ›Nessun dorma‹ ein Gefühlsfeuerwerk, dem sich auch die Jury nicht entziehen kann.« Ein dramaturgisches Meisterwerk? Noch nicht einmal der alte Theaterdirektor Striese hätte so etwas zugelassen. Es gab einen dramaturgischen Akzent bei diesem Auftritt, den Frau Hindemith aber mangels musikalischer Bildung nicht mitbekommen hat -: Potts sang nur eine stark verkürzte Fassung der Arie, die es ihm ermöglichte, den größten gesanglichen Schwierigkeiten erst einmal aus dem Weg gehen zu können.

Zur Tekom-Werbung gelingt Frau Hindemith eine tiefe intellektuelle Einsicht: »Nun transportiert Werbung natürlich Wunschvorstellungen …«. Ach!

Und die angebliche »professionelle Gesangsausbildung in Italien […] an Opernschulen bei Vilma Vernocchi und Katia Ricciarelli« kolportiert Frau Hindemith ungeprüft weiter. Vielleicht hätte sie mal in der größten deutschen Feuilleton-Redaktion nachfragen sollen, mit welchen Methoden dort Leuten wie Potts reihenweise viel Geld aus der Tasche gezogen wird.

Zum Schluss entdeckt Frau Hindemith noch ihre journalistischen Super-Illu-Qualitäten –: »Stimmlich muss er zwar noch ein bisschen arbeiten, für seine Fans ist Potts jedoch bereits ein Opernstar.«

Das skandalöse an diesem Artikel ist nicht seine miserable Qualität aufgrund vielfach mangelnder Kompetenz, sondern die Tatsache, dass die Feuilleton-Redaktion der Frankfurter Allgemeine Zeitung ihn veröffentlicht hat.

Und dann muss sich niemand mehr wundern, wenn sich das Niveau der Leser gleichsam ins Nichts bewegt:

Von einem F.A.Z.-Leser namens Holger Kästner findet sich im FAZ.NET folgende – irrwitzige – Hinterlassenschaft:

»Dieser Beitrag ist symptomatisch für deutsches Denken, angefüllt mit Neid und Missgunst. Die Beiträge auf der Website von Herrn Potts sind in der Tat auf das gewünschte Image des Künstlers zugeschnitten, dieses ist aber nicht nut bei Paul Potts der Fall, sonder bei allen (!) Künstlern jeglicher Richtung. Die Geschichte von Paul Potts ist sehr detailliert nachzulesen und das in verschiedenen Quellen. Viele Details dieser Jahre hätten in den Artikel gehört, sie wurde aber vorsichtshalber unterschlagen, da dieses in das von der Autorin, aus welchen Gründen auch immer, gezeichnete Bild des Menschen Potts wohl nicht passte. Herrn Potts ist nicht Pavarotti, aber seine Vorträge schaffen es Emotionen in Menschen zu wecken und wenn durch die Videos bei YouTube oder auch der Spot der Telekom es erreicht wird, dass sich Menschen der Oper zu wenden, die dieses ansonsten nicht getan hätten, ist viel erreicht. Also Frau Hindemith, lassen Sie doch bitte die hässlichen deutschen Eigenschaften zu Hause und bringen Sie nicht in die FAZ.«



*Von der Philipps-Universität Marburg erhielt Gesine Hindemith 2006 ein Promotionsstipendiat für ihre Dissertation »Die neue Dimension des Akustischen im cinéma moderne«, die sich jetzt im Verzeichnis der Ludwig-Maximilian-Universität München – Promotionsstudiengang Literaturwissenschaft 05/2008 – unter dem Titel »Gesine Hindemith: Die neue Dimension des Akustischen im cinéma moderne. Godard, Resnais, Duras« wiederfindet. Als Übersetzerin hat sie Jean-Louis Leutrat’s Buch »Verzweigte Bilder. Kaleidoscope. Analyse de films, Band 6« übersetzt. Für die F.A.Z. schreibt sie über Medien, Medizin, Reiseliteratur etc.





›Dunkle Energie‹ nur noch für 3 Wochen


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Nur noch bis zum 27. Juli 2008 ist die große Einzelausstellung
Henning Brandis : „WO >>DUNKLE ENEGERIE<<“
in der Villa Oppenheim – Galerie für Gegenwartskunst geöffnet.





Henning Brandis – Kairós der ikonographischen Eruptionen


1968: Die intellektuelle Sohnesklage gegen die Väter – die Tochterklage wird nicht lange auf sich warten lassen, aber einen ganz anderen Ton anschlagen – eröffnet in ihrer historisch bedingten Penetranz auch der institutionellen Kunst die Möglichkeit, sich umfassend zu reformieren. Lehrkörper werden verdrängt von lehrenden Künstlern. Die Düsseldorfer Kunstakademie wird für einige wenige Jahre zum Zentrum dieser Entwicklung.

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Henning Brandis gelingt in dieser Zeit und an diesem Ort eine Erstarkung seiner habituellen Vernunft und die Grundlegung zu der MetaPhysik seiner Bildsprache. Das hier ausgestellte Partial seines weit- & weltläufigen Lebens=Werkes ist in der zeitgenössischen Kunst von singulärem Charakter. Singulär naturgemäß weder im Kontext zeitgeistiger Wertstellungspraxis noch als marketing file des Kunstmarktes. Singulär allein dadurch, dass Henning Brandis seine Arbeit stets als ganzheitliches Handeln im richtigen Moment (kairós) bloßer Einsicht und größter Gefahr versteht. So weisen sich die Zeichnungen, Objekte und Installationen gleichsam als Handlungszeugnisse ihrer selbst aus.

Der – auf den ersten oder gar noch zweiten Blick – enigmatische Werkcharakter gründet sich nicht im Vexierspiel von An- & Ablehnung intertraditioneller Kunstvorstellungen, sondern in deren wahrer Radikalisierung, getragen von antikem Stolz und befreiend im aufklärerischen Sinne. Das Rätsel ist und bleibt das Sichtbare, das sich im Moment der Entdeckung in zarte oder heftige, versunkene oder zirkulierende Materialien, archaische Rückformungen, Farben mit feinsten Glissandi, säkulare Tonsetzungen, verschlüsselte Codes und Zeichen aus fernsten Zeiten und in Zwischenräume voller Stille verwandelt. Uns Heutigen fällt es immer schwerer, Stille dieser Art überhaupt noch wahrnehmen zu können, geschweige die innere Kraft aufzubringen, ihr mehr als einen AugenBlick standzuhalten.

Verspüren wir nicht bereits beim bloßen Einblick in die bildhaften Erinnerungsverstrickungen dieser Werke schmerzhaft unser aller Verlust an Ich-Zeit? Ein Kompensieren in narzisstische Egonautik verweigert Henning Brandis sui generis. Statt Ausweichen in kunstmystische Gefilde oder der Schaffung illustrer Kunstplacebos, konfrontiert er auf hochmögende Weise den virulenten Verlust anthropologischer Geborgenheit mit (dem Theorem von) der absoluten Verborgenheit: der DUNKLEN ENERGIE. Die subversiven Talente seiner Kunstfähigkeit konstatieren eine Realität, in der kein Schnitt mehr die Zeit gliedert, kein Maß mehr existiert, um Symmetrie in den gleich=gültigen Ablauf zu bringen. Doch er bietet Kronos, dem ungehemmten Zeitfresser, auf seine friedliche, ja fast zärtliche Weise mit materieller Transparenz die Stirn. Und so strahlen inmitten ikonographischer Eruptionen, den widergängerischen Augenblicken der Gefahr, Momente erfüllten Gelassenseins auf, die uns zu beseelen und zu behorten vermögen.

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»Im Anfang war was? Es bewegten sich die Dinge sozusagen frei, weder in krummer noch in gerader Richtung. Sie sind urbeweglich zu denken, sie gehn wohin sie gehn, um zu gehn, ohne Ziel, ohne Willen, ohne Gehorsam, nur als Selbstverständlichkeit, sich zu bewegen, als urbeweglicher ›Zustand‹. Es ist zunächst nur ein Prinzip: Sich zu bewegen, also kein Bewegungsgesetz, kein besonderer Wille, nichts Spezielles, nichts Geordnetes.« (Paul Klee) Beobachtungen, die sich, wenn auch nicht expressis verbis, in den Werken des ZeichenSetzers Henning Brandis mühelos auffinden lassen. Auf das wesentliche Paradoxon seiner Kunstexistenz verweist der Ausstellungstitel hingegen selbst.

1998 begründete der theoretische Astrophysiker und Kosmologe Michael S. Turner die Theorie von der sich beschleunigenden Ausweitung des Universums erstmals durch die Existenz dessen, was er Dunkle Energie nannte. Fast dreiviertel der Gesamtenergie des Universum stelle sie dar. Nur das restliche Viertel bestehe aus dunkler und normaler Materie.

Dieser Dunklen Energie spürt Henning Brandis nach. Er, dem sowohl der kosmologische wie der ästhetische horror vacui stets fremd blieb, macht mit dezidierten Mitteln allgewärtig sichtbar, ob und wie sich Energie, Seele, Gefühl und Gedächtnis in der Kunst verorten lassen. Die bewusste Einbeziehung ostasiatischer Formfindungen ermöglichten diesem nomadisch Suchenden, der Leere (in Fläche und Raum) mit spielerischer Freude den ihr gebührenden Respekt zu erweisen.

So wird Henning Brandis auf seinen Expeditionen in den Alltag zum Entdecker aus der profanen Ordnung gefallener Erscheinungsformen, bei denen die Bezeichnung ›Objekte‹ zu kurz greifen würde. In ihrer jeweils wiedererlangten Autonomie sind sie Ausgangspunkte präziser Neuanordnungen, die sich auch disparate Darstellungsformen – mit nahezu kindlichem Vertrauen – zu eigen machen: tibetische Kosmogonie, japanisches Spätmittelalter, afrikanische Volkskulturen und die Ismen der westlichen Moderne.

Viele Arbeiten dieses Weltenfinders habe ich seit Jahren täglich vor Augen. Ob ich mit ihnen oder sie mit mir leben, lässt sich genauso wenig beantworten wie die Frage, warum sie sich so selbstverständlich meinem Blick darbieten, aber keine Auskunft geben, warum.

Und Beuys? Nach mitternächtlicher Vorbesichtigung überfiel ihn ein Heißhunger auf frische Blutwurst mit Zwiebeln und Röggelchen.

Axel Bäse


Veröffentlicht als Vorwort im Katalog zur Ausstellung Henning Brandis : „WO >>DUNKLE ENEGERIE<<“ in der Villa Oppenheim in Berlin, 01.06. – 27.07.2008

© 2008 Axel Bäse. Alle Rechte vorbehalten